Papyrus Rabbit Hole: True-Crime aus dem Alten Rom

Shownotes

Papyrus – klingt nach staubigen Texten und ziemlich weit weg von unserer Gegenwart. Aber dieses Vorurteil ändert sich schnell, wenn einem Anna Dolganov, Althistorikerin und Papyrologin am Österreichischen Archäologischen Institut, diesen unter die Nase hält. Denn ihr letzter Forschungsfund, ein Papyrus etwa so groß wie ein heutiges A4-Blatt, enthält den Stoff für einen waschechten Politthriller. Im Mittelpunkt stehen zwei Herren: Gadalias, der Sohn eines Notars mit zweifelhaftem Ruf, und sein Kumpan Saulos, ein Mann mit einer Vorliebe für kreative Buchhaltung. Ihr Verbrechen? Ein fingierter Sklavenkauf, verbunden mit einer dreisten Manipulation offizieller Dokumente. Das Ziel: Steuern sparen. Wahrscheinlich.

Was genau Gadalias und Saulos bezweckten, bleibt unklar. War es bloß ein schlauer Trick, um den römischen Fiskus zu prellen? Oder steckte mehr dahinter? Immerhin fällt auf, dass einer der vermeintlich gekauften Sklaven anschließend freigelassen wurde. Ein merkwürdiger Zug für einen Finanzbetrug – es sei denn, der wahre Plan bestand darin, jüdische Sklaven in die Freiheit zu schleusen, vielleicht sogar Rebellen, die in den Wirren der letzten Aufstände in Gefangenschaft geraten waren.

Der Fall Gadalias und Saulos zeigt: Geschichte ist selten so klar, wie sie scheint. War es ein gewöhnlicher Betrug – oder ein Akt des Widerstands? Hatte man es nur auf Geld abgesehen, oder ging es um weit mehr? Und wie fühlt es sich an, fast 2000 Jahre später ein Dokument zu entziffern, das mitten in diesen Wirren geschrieben wurde?

Diese Podcast-Folge haben wir uns von unserem Schwesternpodcast IM MUSEUM ausgeborgt.

LINKS:

zum Kurious Newsletter https://www.thekuriousmag.com/postfuermich

**zum Papyrusmuseum in Wien ** https://www.onb.ac.at/museen/papyrusmuseum

Transkript anzeigen

00:00:01: Hallo beim Cures Radio!

00:00:02: Mein Name ist Iris und ich freue mich, dass ihr hier seid.

00:00:05: Hier beim Curious Radio – so ist ja unser Versprechen – machen wir euch jeden Freitag ein neues Rabbit Hole auf um der Neugierder hinterherzugehen.

00:00:13: Genauso wie mit dem Cures Magazine, dem dazu gehörigen Printmagazin.

00:00:17: Falls ihr das noch nicht habt, wir stellen euch einen Link in die Show Notes wo ihr das bestellen

00:00:22: könnt.

00:00:23: Diese Woche habe ich etwas mitgebracht was wirklich ein Rabbit Hole ist nämlich etwas was zu tun hat, was nächste Woche hier im Podcast kommt.

00:00:31: Wir gehen nämlich ins Papyrus-Museum und das klingt sehr viel verstaubter als es in Wirklichkeit ist!

00:00:38: Das Papyrrhusmuseum und ich muss sagen Papyri.

00:00:41: so ist mich die Mehrzahl von Papyrros an sich... Ich bin ein totaler Fan von dem geworden, obwohl ich nichts mit alter Geschichte, nichts mit dem alten Ägypten.

00:00:51: Das hat mich alles überhaupt nicht interessiert aber ich finde es ist eines der coolsten Dinge wenn man an so Geschichtsobjekten merkt dass Menschen die vor mehreren hunderten Jahren gelebt haben exakt die gleichen Probleme hatten wie wir.

00:01:05: das macht mich... Ich muss es ehrlich zu geben irgendwie glücklich oder irgendwie verbunden mit der Welt.

00:01:12: Das waren meine fünfzig Cent zum Thema.

00:01:13: Heute übergebe ich nämlich an meinen Kollegen und Mitherausgeber, an Andi, der für unseren Schwestern-Podcast im Museum ein Interview mit Anna Dulganoff geführt hat – sie ist Althistorikerin und Papyrologin – und die hat einen True Crime Fall aus dem alten Rom mitgebracht!

00:01:32: Ja, und bevor es hier noch losgeht – noch eine Bitte!

00:01:35: Ihr wisst schon was ich sagen will.

00:01:37: Und ich wünschte euch könnt ihr's nicht tun weil es alle automatisch zu nämlich bitte bitte bewertet diesen Podcast in eurer Podcast App mit fünf Sternen.

00:01:46: ja und damit übergebe ich an Andi und Anna und den Immuseums-Podcast.

00:01:51: viel Spaß

00:01:53: Das fühlt sich unglaublich aufregend an.

00:01:56: man versetzt sich in dieser Welt.

00:01:58: also.

00:01:58: Eigentlich habe ich durch diese Publikation zwei historische Persönlichkeiten auf die Welt gebracht.

00:02:06: Über die können wir jetzt eine Netflix-Serie drehen.

00:02:17: Dann würde ihr einfach vorstellen, dass man anfangen

00:02:19: kann.

00:02:20: Herzlich willkommen zu einer neuen Ausgabe von im Museum und mein Name ist Andreas Fischer und wie vielleicht schon bemerkt habt Experimentieren wir in letzter Zeit etwas mit unseren Formaten und wir sind ja für euch regelmäßig in Museen, Ausstellungen und Kultur- und Wissensinstitutionen unterwegs.

00:02:42: Und was uns da eben immer wieder auffällt ist dass dort unglaublich intelligente und interessante Menschen arbeiten.

00:02:48: Da haben wir uns gedacht wie wäre es wenn wir diese Leute mal nicht im Museum besuchen sondern sie in unser Studio einladen und ihnen eine Stunde oder eben so lange wie sie wollen, geben um mit ihnen einen Deep-Dive in ihr Wissen und ihre Wirklichkeit und in ihren Interessen machen.

00:03:07: Und da freue ich mich sehr heute eine Person gerade vor mir gegenüber sitzen zu haben und zwar die Anna Dolganov.

00:03:14: Und Anna du bist?

00:03:16: Ich bin!

00:03:18: Ich bin viele Sachen, ich bin US-Amerikanerin.

00:03:21: Ich komme aus den USA und kam als Doktorandin nach Wien.

00:03:25: Ich bin Althistorikerin, also Spezialistin für römische Geschichte.

00:03:30: Und ganz besonders bin ich Spezialisten für ein ticker Urkunden aus dem Römischen Reich Und dafür ist Wien eine der besten Orte auf der Welt, um die sogenannte Papyrologie – also das Studium antiker Urkunden – auf Papyrus zu lernen.

00:03:46: Daher bin ich nach Wien gekommen.

00:03:49: Ja und deswegen habe ich dich auch ins Studio eingeladen!

00:03:53: Weil wir haben nämlich hier im Podcast schon mehrere Objekte, Papier-Ries.

00:03:58: Das ist ja die Mehrzahl von Papyrruss wahrscheinlich?

00:04:00: Aber das richtig gesagt... Ja,

00:04:02: da hast

00:04:02: du mir gesagt.

00:04:03: Bitte immer, immer ausbessern wenn ich irgendeinen Blödsinn rede.

00:04:06: Alles klar!

00:04:07: Ich neige dazu.

00:04:09: Wir haben mehrere Papüri im Podcast schon behandelt und ich habe ja vor allem noch nie in meinem Leben mit Papüre zu tun gehabt.

00:04:17: Und ich war aber tatsächlich nur nie irgendwie einen Bezug dazugehabt.

00:04:22: Nur wir sind dann öfter ins Papirus Museum in Wien gegangen und das sind mir dann plötzlich so die für mich... Obstrußesten und gleichzeitig interessantesten Schriftstücke überhaupt präsentiert wurden.

00:04:35: Also, überbleibsel aus einer komplett anderen Welt von zweitausend Jahre her die so kleine Bruchstücke und Einblicke in das direkte Leben aber in dieser Zeit geben.

00:04:49: Und ja genau so sind wir auf dich gestoßen weil du ja absolute Expertin in diesem Bereich bist.

00:04:55: Und fangen wir vielleicht damit gleich mal an Sprich mir einfach mal drüber, was du jetzt gerade an, was Du jetzt gerade arbeitest.

00:05:02: Das würde mich interessieren!

00:05:03: Ja also soeben habe ich eine sehr wichtige Publikation auf die Welt gebracht, die ist viel in den Medien gewesen das es ein einzigartiger bahnbrechender Papyrus aus der jüdischen Wüste befindet sich also im Israel Museum in Jerusalem und dass sie seine Urkunde aus der Zeit große jüdische Aufstände gegen die römische Herrschaft eine sehr spannende Epoche.

00:05:29: Und diese Urgründe haben wir überhaupt, weil Flüchtlinge – also Menschen die von dem großen Krieg gegen die Römer geflüchtet sind in die jüdische Wüste – diese Urkunde mit sich hatten und sie dann in einer Höhle versteckt haben.

00:05:42: Da ist es trocken genug dass organische Materialien wie Papyrri überleben Und deshalb haben wir diesen Einblick in diese historische, sehr spannende und turbulente Zeit.

00:05:55: Wenn du sagst Dokument beschreib das einmal!

00:05:58: Wie schaut so was aus?

00:05:59: Also das ist ein großes Papyrusfragment in der Größe von ungefähr einer A-Vierseite und es enthält, dass die zweite Hälfte der ursprüngliche Urkunde leider verloren gegangen ist.

00:06:13: Das heißt wir müssen viel Detektivarbeit machen um zu verstehen überhaupt worum es hier geht.

00:06:19: Das ist eine Urkund aus einem spannenden Prozess.

00:06:23: Nämlich das sind Notizen von zwei Ankläger, die zwei jüdische Männer wegen Steuerflucht und Betrug anklagen.

00:06:33: Und die vorbereiten ihre Prozessreden und planen ihre Argumentation, versuchen vorherzusehen wie die Gegenargumentation leuten wird.

00:06:46: Das heißt sie sagen wenn die anderen Anwälte das sagen dann werden wir darauf antworten.

00:06:52: Und es kommt eine spannende Krimi-Geschichte heraus, also es wird organisiertes Verbrechen erwähnt, es wird auf rührisches Verhalten gegen den Römischen Staat erwähnt.

00:07:05: Ob diese zwei Männer tatsächlich, diese große Kriminellen waren ist jedoch unklar weil natürlich die Anwälter versuchen es möglichst rhetorisch hochzuspielen.

00:07:15: Ja aber das hört jetzt herzlich für mich sehr kontemporär an.

00:07:19: also wir reden da jetzt vor einem Dokument dass es wie alt?

00:07:21: Das ist fast zweitausend Jahre alt

00:07:23: und dann waren ganz wiefe Advokaten am Werk, die da ihren Prozess vorbereitet haben.

00:07:31: Ganz genau und interessant ist als diese Publikation veröffentlicht wurde bekam ich dann Anrufe von Anwaltskanzleien aus unterschiedlichen Ländern und sogar Bloomberg Tax Lawyers in den USA haben das auf ihrer Webseite veröffentlich mit dem Motto nach dem Motten das Finanzamt hat es immer gegeben Steuerbetrug auch immer gegeben.

00:07:54: nach wie vor gehen wir solchen Fällen

00:07:57: Also quasi um auch zu zeigen, es ist auch eines der ältesten Gewerbe in der Welt wahrscheinlich.

00:08:03: Seitdem es Steuer gibt, gibt das auch Steuervlucht?

00:08:07: Aber gehen wir vielleicht ein wenig... Ich weiß dieser Fall ist extrem kompliziert.

00:08:12: Ist sehr komplex!

00:08:13: Aber

00:08:13: es ist eine True Crime Geschichte und vielleicht gehen wir mal nur ein wenig hinein.

00:08:19: Was ist denn da passiert?

00:08:21: Also wir haben natürlich die Sicht der Anklage und wir müssen sofort erkennen, dass es vielleicht nicht das ganze Bild ist.

00:08:28: was wird abkommen.

00:08:31: Aber diese zwei Männer, die jüdische Namen haben, haben versucht Sklaven an Freunde zu verkaufen und keine Steuer zu bezahlen.

00:08:44: also alle Käufe von Immobilien und Sklafen in der römischen Welt waren mit mehreren Steuern verbunden Und anscheinend haben sie versucht, diese Steuer zu vermeiden.

00:08:55: Indem Sie einen Scheinkauf betrieben haben an Freunde in einer anderen Provinz, in der Nachbarprovinz und wenn man so einen Kauf erledigt verschwinden die Sklaven quasi auf Papier aus der eigenen Provinzu.

00:09:07: Die haben aber die Sklave da behalten und nicht in die Nachbar-Provinz transportiert.

00:09:13: Das heißt, sie sind dort nie angekommen und wurden also dort von der Verwaltung nie erfasst.

00:09:19: D.h.,

00:09:19: sie sind verschwunden aus der Sicht des Staates.

00:09:22: Und dadurch konnte man die Steuer dann vermeiden.

00:09:25: Warum diese zwei Männer dies betrieben haben, wissen wir jedoch nicht.

00:09:30: Es wird ihnen alles Mögliche vorgeworfen an eraufröhrischen Ansichten und krimineller Vergangenheit.

00:09:36: Wir wissen jedoch dass in der römischen Welt die Gerichtsrhetorek solche Argumentationen verwendet hat um um die Angeklagten anzuschwärzen und damit plausibler zu machen, dass sie tatsächlich getan haben was man denen vorwirft.

00:09:53: Das heißt es sieht aber so aus als hätten diese Männer doch eine kriminelle Vergangenheit Da es vor zehn Jahren davor einen großen jüdischen Aufstand gegeben hat, kann es sein dass sie daran beteiligt waren.

00:10:10: Das wissen wir nicht konkret.

00:10:11: Ja da springen wir mal zwei Dinge ins Ohr jetzt.

00:10:15: Erstens einmal das das extrem modern klingt also auch dass die Anklage dann natürlich versucht den Charakter.

00:10:23: Charakter,

00:10:25: Assassination

00:10:28: ist ja heute auch noch eine ganz übliche Strategie im Strafrecht und vor allem wahrscheinlich sogar in den USA vielleicht sogar noch üblicher wie bei uns.

00:10:38: Also auf der einen Seite super modern und auf der anderen Seite natürlich wir reden jetzt gerade von Sklaven

00:10:44: Das ist keine Sklavengesellschaft.

00:10:48: Und die Sklaven kommen im Prozess auch vor, also der letzte Teil des Textes ist eine Mitschrift aus der unmittelbaren Gerichtsverhandlung und dort werden meiner Meinung nach die Sklaven gefoltert in real time.

00:11:03: Also das wird beschrieben.

00:11:06: Im römischen Recht war eine Aussage eines Sklavens in einem Prozess nicht gültig wenn es nicht unter Folter entstanden ist Weil ein Sklave war juristisch gesehen kein Mensch.

00:11:17: Und deswegen hatte die Aussage eines Sklaven keine normalen Wert, sondern musste erzwungen werden und genau.

00:11:27: Wir sehen in diesem Mitschrift das tatsächlich jemand meiner Meinung nach verprügelt wird und dann etwas beichtet oder in diesem Fall nichts beichtet was sie ankläge wollen.

00:11:39: Es hat in diesem Rechtssystem die Ansicht gegeben, wenn sie die römische Macht nicht aus dir rausprügelt dann kannst du nichts stimmen.

00:11:47: Aber wenn er meines klarer ist ja und das ganze da es um Steuerbetrug geht wir wissen ihn aus den römischen rechtsquellen dass wenn es um Steuer betrug gegangen ist durfte der Staat alles tun.

00:11:59: Also was sie zum Beispiel die Römer dachten, das sei nicht besonders nett.

00:12:04: Die Sklaven gegen die eigenen Herren zu foltern.

00:12:09: Das haben Sie in der Regel nichts getan, das haben Sie vermieden weil die sagen dass es sozial nicht okay.

00:12:15: Mit der Ausnahme des Steuerbetrugs.

00:12:18: da durfte man alles.

00:12:19: und ein Anwand aus Deutschland hat mich angerufen und hat mir gesagt wie moderne Untersuchungshaft vor, wo auch eine Art Folter betrieben wird in dem unter großem Druck diese Befragungen stattfinden.

00:12:35: Und er hat gemeint dass wir sind nicht so viele Schritte von diesem Prozess entfernt.

00:12:41: Dass man versucht in einer Untersuchungsaft alles Mögliche herauszufinden was gemacht wurde und wer die Komplizen sind das ist das andere.

00:12:51: also Wenn man so einen Fall hatte, hat man versucht unter Druck herauszufinden wer daran alles beteiligt war um das alles aufzudecken.

00:13:01: Wenn du da jetzt mit richtiger Detektivarbeit diesen Dingen hinterhergehst?

00:13:05: Weil wir reden davon jetzt wie groß können wir uns das vorstellen?

00:13:07: wenn ich jetzt sage A four

00:13:09: ist Ist das auf jeden Fall?

00:13:11: Ja, ungefähr.

00:13:12: Und da ist aber extrem viel Information drauf, weil die ganz klein geschrieben haben.

00:13:16: Winsige Buchstaben!

00:13:17: Weil sie hatten das quasi als Schummelzettel vor Gericht und deswegen mussten Sie alles Mögliche drauf schreiben in einem sehr kleinen Platz und komprimierte Sprache.

00:13:26: Die wussten ganz genau worüber sie reden, deswegen haben sie kein Wort verschwendet.

00:13:31: Du sitzt dann mit deiner Lupe

00:13:34: oder einem elektronischen Mikroskop wenn ich es genau sehen will...

00:13:38: Schritt für Schritt macht sich dir dann auf diesem Papyrus eine Welt auf.

00:13:45: Ja.

00:13:45: Es ist ein langwieriger Prozess in diesem Fall gewesen, weil die Urkunde es nicht ideal und nicht perfekt erhalten.

00:13:53: Da schwimmen die Faser.

00:13:55: also die Entzifferungsarbeit war äußerst schwierig, weil es ist nicht wie einen Vertrag wo man viele Beispiele hat und ungefähr einschätzen kann.

00:14:04: auch hier kommt dieser Teil und hier kommt diese Formel.

00:14:06: Nein!

00:14:07: Diese Urkundung ist eine Einzelgeschichte und hat keine Parallellen im Sinne.

00:14:14: muss man wirklich auf Altgriechisch umschalten und versuchen zu ergänzen, was man nicht gut lesen kann.

00:14:21: Was könnte da stehen?

00:14:22: Und dann sieht man das es richtig ist – was man im Moment vermutet.

00:14:27: Es hat viele, viele Stunden gekostet.

00:14:29: Das ist ein langwieriger Prozess der Entzifferung.

00:14:32: Nachdem man den Text entziffert hat, muss man den kontextualisieren und besinnen.

00:14:37: Was haben sie tatsächlich getan wenn man Steuer in der römischen Welt vermeiden will?

00:14:44: Wie muss man das drehen, damit es funktioniert?

00:14:48: Ja.

00:14:48: Aber wie fühlt sich das an?

00:14:53: Das fühlt mich unglaublich aufregend an besonders wenn man das Schriftstück in der Hand hat dass diese Anwälte niedergeschrieben haben und vor Gericht hatten und wo sie die Gerichtsverhandlung mit geschrieben haben.

00:15:06: Das ist eine Unmittelbarkeit für ein Historiker eine absolute Traum-Sensation.

00:15:15: Man versetzt sich in dieser Welt.

00:15:16: Je mehr man das erforscht, desto lebendiger kommen diese Bilder auf und diese... Also eigentlich habe ich durch diese Publikation zwei historische Persönlichkeiten auf die Welt gebracht, die jetzt für die Menschen ein Begriff sind.

00:15:32: Also diese Gadalias und dieses Saulos über die können wir jetzt eine Netflix-Serie

00:15:37: drehen.

00:15:38: Die zwei Protagonisten, die angeklagten?

00:15:43: Genau!

00:15:44: lebendig vorstellen.

00:15:47: Mit dem Filter der Anklage natürlich!

00:15:49: Ja, aber du bist schon investiert in diese Charaktere?

00:15:52: Na wenn man so viel Zeit mit denen verbracht hat, hört man das Gefühl... Man kennt sie schon!

00:15:58: Erzähl mal ein bisschen was von ihnen.

00:15:59: also wie ist dein Gefühl zu tun?

00:16:01: Also

00:16:02: dieser Gadalias ist eine interessante Persönlichkeit weil der gehört ja zur städtischen Oberschicht dieses großen Dorfes in der Provinz Judea Und sein Vater war notar, also eine wichtige Figur in der Stadt.

00:16:18: Man beschreibt ihn als jemanden, der das menschliche Kapital des Vaters verschwendet hat, der quasi in die Kriminalität runtergestiegen ist und der auch verarmt.

00:16:35: Und das war eine sehr negative Sache in der römischen Welt, dass man das Vermögen der Familie verschwendet.

00:16:44: Es gab ... es war ein Typus in der Römischen Rhetorik dieser Art von ... wie heißt das?

00:16:49: ... prodigal son auf Deutsch, wie in der biblischen Geschichte.

00:16:54: Das war sehr schlecht, dass die Familie etwas geleistet hat und dann alles verschwendete und runtersteigt in der Gesellschaft.

00:17:02: So stellt man ihn da Der ist so verahnt und das er käuflich ist, und grundsätzlich bereit zu jede Art von Verbrechen.

00:17:12: So stellen die Ankläger ihn da.

00:17:15: Und sie wollen auch den Eindrucker wecken?

00:17:18: Die haben Angst vor ihm!

00:17:19: Das ist interessant.

00:17:20: Weil die spielen es so theatralisch... Sie sagen, ah ja, wenn wir all das erwähnen was er in Vergangenheit begangen hat dann werden wir den Eindrucker weckern, wir haben Angst von seinem Macht.

00:17:32: Und das ist interessant, weil inwiefern könnte so eine Person für die römische Verwaltung eine Gefahr darstellen?

00:17:42: Wenn man nachdenkt, ist es genau die Person, die sehr gefährlich ist.

00:17:46: Die römischen Herrschaft hat wesentlich davon abhängig, dass die lokalen Eliten mitgespielt haben!

00:17:54: Das war kein Staatsapparat, das war kein Polizeistat.

00:17:59: Die hatten nicht die Ressourcen, dass sie alles direkt regieren konnten.

00:18:03: Die waren wirklich von der Kooperation der lokalen Eliten abhängig und haben das sehr erfolgreich gemacht.

00:18:09: D.h.,

00:18:09: die lokalene Eliten im römischen Reich haben sehr enthusiastisch mitgespielt.

00:18:15: Sie hatten große Karrieremöglichkeiten in der Reichsverwaltung.

00:18:19: Und die, die mitgespielen sind aufgestiegen die Widerstand geleistet haben, wurden runtergedrückt oder verbannt gelegentlich.

00:18:30: Aber wenn es Aufruhr unter der Städtischen Elite gibt dann ist die Herrschaft wirklich in Gefahr!

00:18:37: Besonders in einer Randregion, die neben dem Nachbarreich sich befindet.

00:18:42: und das endet natürlich des empfindenden Menschen in dieser Region.

00:18:46: Weil das Parterreich ist unsere Nachbarschaft.

00:18:50: wenn die römische Herrschaft lockerer wird dann haben wir womöglich steigen wir mit denen besser aus.

00:18:58: war vielleicht der Gedanke im Raum.

00:19:00: Das heißt also, die Frage nach öffentlicher Wirksamkeit ihres Tuns oder heute wieder mal sagen der PR.

00:19:11: Diese Anklage war denen schon bewusst auch?

00:19:15: Ja ja ich glaube sie versuchen... alle möglichen Unsicherheiten von der Seite des römischen Richters vorherzusehen und auszunützen.

00:19:26: Die Tatsache, dass es in dieser Region im Nahen Osten schon mehrere riesige Aufstände gegeben hat die für große Verluste bei den römische Militärer sorgten und sehr blutig waren das heißt man kann diese Geister wieder beleben Und das machen sie.

00:19:46: Das war jetzt der eine und der andere?

00:19:48: Der Andere ist sogenannte Saulos, also auch ein jüdischer Name.

00:19:54: was er will es nicht ganz klar.

00:19:56: Es kann sein Er will ganz banal keine Steuerzahlen So wie es ist, dass es eine banale Kleinkriminalität die überall und immer auf der Welt gegeben hat Ärmer auf Papier ausschauen wollte, als sie tatsächlich war.

00:20:15: Weil zusätzlich zur Besteuerung hat der römische Staat verpflichtende Tätigkeiten an die reicheren Menschen quasi, die dazu gezwungen Tätigkeit im öffentlichen Dienst zu machen und wenn man zu arm dafür war wurde man dazu nicht gezwogen.

00:20:32: das kann sein dass er versucht hat eben vermögens Verstecken.

00:20:38: und was wir aber nicht wissen Wir befinden uns am Vorabend der nächsten riesigen jüdischen Revolte.

00:20:47: Die war total kataklysmisch, die hat zu hunderttausend Toten geführt – das sagen uns die historischen Quellen!

00:20:55: In dem man, also auch diese Kleinkriminalität betreibt ist es eine gewisse Geisteshaltung des römischen Staat gegenüber.

00:21:05: Das heißt wenn man keine Steuerzahlen will hat man eigentlich missachtet man den Staat und die Öffentlichkeit.

00:21:13: Und das haben die römische Behörden offenbar sehr ernst genommen als schlechtes Zeichen für die Stimmung in dieser Region.

00:21:22: Und das heißt, wenn du eine Person hast die nach der letzten Revolte so etwas betreibt ist sie grundsätzlich verdächtig.

00:21:29: Man muss sie befragen um rauszufinden was vielleicht dahinter steckt.

00:21:33: Weil

00:21:33: es im schlimmsten Fall tatsächlich gar nicht ums Geld geht?

00:21:37: Im schlimmsten fall geht es gar nicht zum Geld.

00:21:39: Im schlimmste Fall geht es um diese Störung der römischen Herrschaft.

00:21:42: Interessanterweise ist der Fall hier aufgeflogen weil einer der Herren einen Sklaven frei lassen.

00:21:53: Das ist interessant, weil natürlich das Römische Reich war eine Sklavengesellschaft.

00:21:58: Aber die hatten auch eine ziemlich fortschrittliche Bürgerrechtspolitik was auch die befreiten Sklaven betraf.

00:22:06: D.h.,

00:22:07: ein freigelassener Sklave konnte ein römischer Bürger werden wenn der Herr ein röhmischer Bürger war und nach einer Generation konnten also die Kinder des Freigelassenen eigentlich ziemlich hoch auf der Karriereleite aufsteigen Und auch die Freigelassenen selbst konnten sehr reich werden.

00:22:23: Wie wir zum Beispiel aus dem berühmten Werk des Saturikon, des Petronius wissen wollen.

00:22:28: Sehr reiche Freigelaßene, also ein neuerreicher Freigelasener alles Mögliche betreibt und sehr exzessiv und sehr lustig.

00:22:39: Die Frage ist aber wenn es nur ums Geld gegangen ist für diese zwei Menschen?

00:22:45: Warum wurde dann eine Sklave freigelassen?

00:22:47: Das ist die große Frage.

00:22:48: Weil wenn man Sklaven schmuggelt, wenn man sie illegal verkaufen will oder keine Steuerzahlen will, warum lässt man einen frei?

00:22:58: Das öffnet die Frage.

00:22:59: und gab es vielleicht andere Motive dahinter.

00:23:03: Wir wissen aus den jüdischen Quellen Also Sklavensbesitz, also man wurde aufgefordert nach sieben Jahren Dienst einen jüdischen Sklaven zu befreien.

00:23:16: Waren vielleicht religiöse Motivationen dahinter?

00:23:20: Man kann sich alles Mögliche vorstellen.

00:23:21: wir wissen das nur leider nicht konkret weil...

00:23:24: Macht es dich verrückt dass du niemals wissen wirst wie's weitergegangen ist?

00:23:29: Nein!

00:23:30: Man muss damit leben.

00:23:31: als Historiker und ich glaube wir können sehr viel vermuten was wir in der ersten Publikation nicht behauptet haben, kann man vermuten dass es für die zwei nicht gut ausgegangen ist.

00:23:46: Weil die waren schließlich in einem Stadion wohl eine der anderen beschuldigt hat.

00:23:51: und wenn Komplizen einander gegenseitig beschuldigen heißt das... Es ist für sie eigentlich aus.

00:23:57: Das heißt, dass die Tabbestände stehen fest.

00:24:02: Die einzige Frage ist Hat die Revolte vielleicht den Prozess unterbrochen?

00:24:06: Und was hatten diese Leute für ein Bezug zu sie ihre Wollte?

00:24:10: Weil in der Höhle, wo ich vermute dass die Urkunde her kommt waren auch die Familienmitglieder eines wichtigen Rebellenführers.

00:24:18: Die waren dort in derselben Höhlen so wie ich vermunte.

00:24:22: Das heißt vielleicht kann weitere archäologische Forschung und Knochenanalyse zum Beispiel uns mehr sagen über die Identität dieser Menschen.

00:24:32: Kann es sein das wir mehr Höhen in diesen Tal entdecken?

00:24:36: Das kann durchaus sein.

00:24:37: Es werden immer wieder neue Höhen und Neugegenstände auf die Welt kommen, also es bleibt spannend.

00:24:45: Und

00:24:45: warum sollte man genau dieses Papyrus... Man ist in einem Ausnahmezustand, man muss fliehen, man flieht das in einer Höhle um zu überleben,

00:24:54: gehen

00:24:54: wir davon aus.

00:24:58: Da backe ich meine Sachen und nehme diesen Papyros mit!

00:25:01: Das ist absolut die richtige Frage, weil zum Beispiel mein Haus brennt nieder.

00:25:06: Was nehme ich mit?

00:25:06: Ich nehme eine Reisepass und meine Geburtstagkunde.

00:25:10: Aber warum nehme ich ein Schummelzettel für eine Anklage gegen zwei Juden wegen Steuerbetrug?

00:25:16: Warum nehme ich so was

00:25:17: mit?!

00:25:20: Ich habe einige Vermutungen dazu.

00:25:22: So einer Kuhkunde würde man nur im Besitz haben wenn man irgendeinen Bezug zu Anklagen hat!

00:25:29: Das ist eine okunde privaten Charakter.

00:25:33: Das heißt, es ist kein offizielles Gerichtsprotokoll.

00:25:37: Wem würde das nutzen zu zeigen, dass man im Bezug zur römischen Anklage zur Staatsanwaltschaft hat?

00:25:48: Es ging vielleicht da auch ums Überleben.

00:25:51: So eine Urkunde kann man einen als Mitglied der römischen Verwaltung identifizieren, das könnte nützlich werden wenn man zum Beispiel mit römischem Soldaten zu tun hat oder so.

00:26:03: Fragen

00:26:03: über Fragen?

00:26:07: Gehen wir mal vielleicht wieder bis in die Breite.

00:26:10: ich habe ja noch nie meinem Leben mit einer Person gesprochen die sich mehr oder die mehr im römische Reich gelebt hat wie du.

00:26:18: Du bist ja...

00:26:19: Ich bringe dort sehr viel Zeit, jeden Tag.

00:26:22: Das

00:26:22: haben wir gedacht!

00:26:23: Kannst du mir da ein Bild malen von dieser Gesellschaft?

00:26:28: Also es war vielseitig und zum Teil widersprüchlich weil eineseits was die Institutionen und die Rechtsinstitutionen betrifft war das Römische Reich einen sehr fortschrittlichen Raum.

00:26:44: Die Institutionen des Staates waren sehr, sehr weit fortgeschritten.

00:26:48: Wie wir auch in dieser Prozessgeschichte aus Judäa sehen – das staatliche Archivwesen und die Registrierungspflicht für alle mögliche Privatrechtgeschäfte, die der Staat dann verfolgen und überprüfen konnte ist unglaublich!

00:27:07: Dass man alles Mögliche vorlegen und beweisen musste um die Rechtswege zu zeigen, die man betreten hat Das klingt alles sehr, sehr modern.

00:27:17: Auch die juristische, das juristisch denken immer noch.

00:27:22: unser juristisches Denken ist im Grunde besonders in Continental Europa.

00:27:27: Das war auch sehr fortschrittlich.

00:27:29: Andererseits hatte man eine Sklavengesellschaft wo Menschen als Dinge betrachtet wurden.

00:27:37: Man hat eine Gesellschaft keine Menschenrechte waren, nicht im Entferntnis, wo Frauen keine wirkliche Stimme hatten in vielen Bereichen.

00:27:52: Andererseits, wenn man eine sehr reiche Frau war, konnte man schon eine Stimme und eine Agency haben.

00:27:56: Das heißt es war eine Gesellschaft mit massiver Ungleichheit, wo wenn man arme und unwichtig war das Leben wenige zählte.

00:28:06: Das heißt, man konnte schlimmer gefoltert werden.

00:28:09: Man wurde schlimmer hingerichtet und viel schlimmer behandelt als wenn man eine reiche Person war und dieselbe Tat begangen hatte.

00:28:17: D.h.,

00:28:17: das war eine absolute Statusgesellschaft?

00:28:20: Ja!

00:28:21: absolute Statusgesellschaft.

00:28:23: Mit sehr viel Patronage, das heißt eine wichtige Kraft durchgehende durch die römische Geschichte waren die persönlichen Beziehungen des Patronages.

00:28:33: Das haben wir aber in unseren modernen Gesellschaften auch zum Teil.

00:28:38: Der Aufstieg gelang nicht nur durch Verdienst sondern hauptsächlich durch persönliche Bekanntschaften.

00:28:45: Andererseits hatte man eine sehr fortgeschrittene Bürokratie so wie es dann für tausend Jahre danach nicht gegeben hat.

00:28:53: Das heißt, es gibt viele Widersprüche.

00:28:55: Also andererseits gibt's viele Anzeichen von dem was man aus, sagen wir, Weberianische Sicht als moderne Staatlichkeit betrachten würde, andererseits sehr viele ahaiische Züge und eben durch Patronageverhältnisse.

00:29:14: Du bist ja durch viele große Institutionen gewandert in deinem Leben?

00:29:18: Das stimmt.

00:29:19: Du bist die erste Person, die ich kenne?

00:29:21: Du warst in Harvard... ...in Oxford und in Princeton.

00:29:26: In Cambridge.

00:29:29: Die falsche Oxfordische Universität.

00:29:32: Genau!

00:29:33: Also ich komme ursprünglich aus Russland also ich bin ein Migrationskind nach USA.

00:29:38: Ich musste Englisch von Null mit acht Jahren lernen.

00:29:42: das ging Gott sei Dank sehr schnell Und ich habe mein Studium in Harvard abgeschlossen, bin dann nach England für meinen Masterstudium gegangen mit einer Gates Fellowship und von der Gates Foundation.

00:29:54: Und bin dann zurückgekehrt nach Princeton fürs PhD.

00:29:58: Dann habe ich eben kapiert dass um wirklich original Forschung in der römischen Geschichte zu betreiben muss man neue Quellen suchen.

00:30:11: Das garantiert, dass man etwas Neues sagt.

00:30:13: Die neuen Quellen in der römischen Geschichte sind die Papüri.

00:30:19: Es gibt immer noch ca.

00:30:21: vierhunderttausend unveröffentliche griechische Papürie aus den hellnistischen und römischem Zeiten.

00:30:29: Und das hat mich so gelockt, dass ich nach Wien gekommen bin um eben diese Kunst der Papyrologie zu lernen.

00:30:37: Das heißt, du hast eine ganze neue Sprache gelernt.

00:30:42: Weil du immer in deinem Deutsch bist ja unfassbar gut!

00:30:45: Und das ist wahrscheinlich deine vierte Sprache, die du dann gelernt

00:30:48: hast.

00:30:48: Das ist meine fünfte

00:30:50: Sprache?

00:30:50: Ja!

00:30:50: Und altgriechisch gehört da auch dazu...

00:30:53: Nee, dass es die Sekte und Siebte... Also altgrieschen Latein erzähle ich nicht als lebende Sprache.

00:30:59: Du bist dann tatsächlich nach Wien gekommen weil zu meiner Überraschung Wien eine der größten Sammlungen an unerforschten Papüri überhaupt hat.

00:31:07: Ist so Wir sind die zweitgrößte Papyrus-Sammlung weltweit, die wichtigste allerwichtige Sammlung für antikarabische Papüri übrigens.

00:31:16: Und unsere griechischen Bestände sind auch riesig und wir sind auch ein Hauptort für die Papyrologen.

00:31:23: Das heißt wenn man Papyrologie lernen möchte von den besten Spezialisten kommt man nach Wien.

00:31:29: Also aus meiner Sicht.

00:31:31: Und das habe ich tatsächlich sehr intensiv, sehr schnell lernen müssen um mit diesen Urkunden im Original zu arbeiten und um neue Urkunde wie diese veröffentlichen zu können.

00:31:44: Das hat sich wirklich ausgezahlt.

00:31:45: Es war eine sehr schwere langjährige Arbeit aber das zahlt sich völlig aus!

00:31:51: Das hat meine kentnissynderibischen Geschichte verdoppelt verdreifacht.

00:31:56: Wie hat dich das alles als Mensch verändert?

00:31:59: Ich glaube, das hat mir viel Mut gegeben.

00:32:02: Dass man muss sich auf neue Dinge einlassen.

00:32:07: Man muss den Mut haben, sich in Bereiche zu werfen wo man noch keine Kompetenzen hat und man muss an sich glauben ich kann das!

00:32:16: Ich werde das meistern.

00:32:18: Ich werde es können.

00:32:18: Wer weiß was daraus kommt.

00:32:20: aber ich muss Geduld und Selbstbewusstsein.

00:32:29: Das zahlt sich dann schließlich aus.

00:32:31: Da kommen wirklich revolutionäre neue Ergebnisse aus solchen Initiativen.

00:32:34: Und dein Weltbild?

00:32:37: Mein Weltbild, also ich habe in so vielen Ländern und so vielen Gesellschaften gelebt und ich hab ein sehr offenes Weltbild.

00:32:46: Ich betrachte jede Gesellschaft, in der ich lebe quasi analytisch.

00:32:54: Es gibt eine andere Sicht auf die Menschen, weil ... Die Menschen sind überall Menschen.

00:33:04: Jedoch Kulturen und Gesellschaften sind sehr unterschiedlich.

00:33:08: Und es bereichert wirklich das historische Verständnis der Menschen.

00:33:14: Das heißt du siehst gar nicht Davon gehe ich jetzt aus, du siehst da eigentlich keinen großen Unterschied zwischen uns und den Griechenern dieser Zeit.

00:33:25: Nur kulturelle Unterschiede!

00:33:27: Kulturelle Unterschiede können aber sehr massive Auswirkungen haben.

00:33:30: Also man sieht immer wieder das Menschliche dran, dass die Kinder der zweiten Ehefrau nicht mögen und mit den Kindern erst eine Ehefsrau streiten weil sie befürchten Sie an dem Erbe wenig bekommen.

00:33:46: Das ist menschlich durch die ganze menschliche Geschichte.

00:33:49: Andererseits sieht bestimmte Besessenheiten und Ideen fix, die nur in einer bestimmten kulturellen Umgebung entstehen.

00:33:58: Und sehr kulturspezifisch sind wie zum Beispiel die Statusfrage.

00:34:03: Wie die Briefkommunikation der Römer auch funktioniert haben das war sehr encoded welche Wörter man verwendet wenn man mit Standesgleichen kommuniziert.

00:34:17: Wie ändert sich die Sprache, wenn man mit Leuten niedrigeren Stand ist oder mit weniger politischen Einfluss kommuniziert?

00:34:24: Das ist sehr interessant zu sehen – sehr nuansiert!

00:34:29: Also da kann man natürlich auch parallel zur moderner Gesellschaft ziehen aber es ist auch wichtig das kulturspezifische in dieser Epoche zu erkennen und also quasi historisierend, kontextualisiernd das zu begreifen.

00:34:49: Was ist der Papyrri?

00:34:50: Hatte ich mal ein Papyrr zum Lachen gebracht?

00:34:54: Also zum Lachen, zum Weinen, zum Befürchten... Es gibt z.B.

00:34:59: einen Fall, dass es ein furchtbare Fall ist, das ist gar nicht zum lachen wo ein Erbstreit stattgefunden hat weil die Mutter ist bei der Geburt gestorben Aber das Baby ist auf die Welt gekommen.

00:35:14: Die Familie der Mutter will ihren Mitgift zurück, aber der Vater besteht darauf, weil das Baby ja da ist und deswegen hat er einen Anspruch auf das Vermögen...

00:35:26: Genau

00:35:26: genau genau!

00:35:28: Und dann stirbt das Baby plötzlich.

00:35:30: und da fragt man sich was hat die Familie das Baby umgebracht?

00:35:35: weil sie gedacht haben, das ist sehr spezifische Antike.

00:35:40: Das Leben eines kleinen Kindes war so prekär, dass man gar nicht sicher sein konnte, dass ein Kind bis fünf Jahre lebt.

00:35:51: Eigentlich standen die Chancen nicht besonders gut.

00:35:54: Nach fünf Jahren konnte man sicherer gehen, dass ein Kind dann erwachsen wird.

00:36:00: Aber vor fünf Jahren war alles möglich.

00:36:01: Deswegen zählte das Leben eines Babys viel weniger als in unserer Zeit.

00:36:07: Spannend!

00:36:08: Dass man auch sieht, dass so Fortschritte in der medizinischen Betreuung tatsächlich dazu führen, dass wir die Wertigkeit an menschliche Existenzen binden?

00:36:19: sich verändert?

00:36:20: Absolut.

00:36:21: Weil die Tatsache, dass man einfach so hohe Kindersterblichkeit hatte führte dann dazu das man an sich das Leben weniger wertschätzte?

00:36:30: Wertschätze vielleicht nicht aber das ist eine Realität, dass jede einzelne Kinderleben weniger wert ist auch wenn man die Ressourcen bedenkt, die man braucht um hin groß zu ziehen.

00:36:42: zum Beispiel der berühmte Kinderopfer der Kataga hatte damit, wahrscheinlich damit zu tun dass man ein Leben eines neugeborenen Babys versprochen hat wenn ein krankes älteres Kind wieder gesund wurde.

00:36:59: Das heißt das ältere Kind hatte schon so lange überlebt dass man mehr investiert war in dem Überleben dieses Kindes als bei einem neu geborenen Baby wo man nicht sicher sein konnte stirbt es in den nächsten zwei Monaten oder nicht?

00:37:14: Das sind wirklich andere Vorstellungen und andere Kulturen, die wir nur von der Seite betrachten können.

00:37:22: This disturbs me greatly!

00:37:26: Ich wollte was zum Lachen zitieren.

00:37:28: Da muss ich dachtenken, was hat mich zum lachen gebracht?

00:37:30: Was war mal

00:37:31: lustig?!

00:37:34: Die passive aggressive also die unterschwellige aggressive Kommunikation zwischen Behörden wo ein Beamte etwas Falsches gemacht hat.

00:37:45: Das ist ganz lustig, weil es gibt zum Beispiel einen Fall wo ein lokale Wasserversorgungsbeamte mafiose Geschäfte dreht und einem Grundbesitzer des Wassers abdreht.

00:38:02: Also man sieht im Hintergrund der Grundbesitzer hat seine Leute nicht richtig bestochen oder nicht das Geld ausgegeben, dass der Wasserversorger wollte und er hat ihm das Wasser abgedreht.

00:38:13: Dann kriegt ihr einen verärgerten Brief von der Finanzverwaltung.

00:38:17: aber der verärgerter Brief ist sehr höflich formuliert in dem du mein Liebster und so weiter und sofort.

00:38:26: wenn du das nicht machst dann wird es schwere Konsequenzen geben.

00:38:30: Sie ist der Ärger durch diese Scheinhöflichkeit, das es ganz lustig zu betrachten.

00:38:35: Dass man trotzdem sich verpflichtet fühlt den höflichen Ton zu behalten.

00:38:38: Jedoch ist es kristallklar dass man denen eigentlich erwürgen möchte.

00:38:42: Ja aber das ist die ganze normale Kommunikationsstrategie wenn man mit seiner Hausverwaltung kommuniziert?

00:38:48: Richtig!

00:38:49: Gute Parallele genau.

00:38:50: Aber auch heute noch.

00:38:51: Ist es dann nachteilig wenn man zum Streiten kommt?

00:38:54: ja...

00:38:55: Aber das ist wieder ein schöner Bezug, dass gewisse Formen von emotionalen Aushandlungsprozessen dieselben werden.

00:39:03: Wie lange wird es für mich brauchen?

00:39:05: Du erfindest jetzt eine Zeitmaschine, weil ich bin nicht intelligent genug – du könntest das aber tun wenn du was anderes gemacht hättest!

00:39:11: Zeitmaschine, ich gehe rein, zweitausend Jahre zurück….

00:39:15: wie lange würde ich brauchen, bis ich mich in diese neue Gesellschaft adaptiert hätte?

00:39:22: Könnte dich da vor Anfang an irgendwie durchschwimmen oder

00:39:25: was?

00:39:26: Oh je.

00:39:26: Also wenn du niemand bist und niemanden kennst, bist du grundsätzlich in Gefahr!

00:39:32: Man kann sich von der Straße verschleppen und sagen das ist mein Sklave.

00:39:37: Und wie wirst Du beweisen können dass du kein Sklave bist?

00:39:41: Wo sind deine Urkunden?

00:39:42: Wo

00:39:43: ist deine Geburtstagunde, wenn kennst du.

00:39:45: Wo sind die Eltern und die Tanten, die vor Gericht sagen können nein das ist unsere Sohn und unsere Nefe.

00:39:51: also Wenn Du kein Verbindungsnetz hast dann ist Deine Existenz grundsätzlich gefährdet.

00:39:59: Das heißt es macht total Sinn dass ich mal ein paar Papiere einstecke.

00:40:03: Absolut!

00:40:05: Bring alles mit, was

00:40:06: du hast.

00:40:07: Aber dann das Leben als Klawe?

00:40:10: Was wäre es dann?

00:40:11: Was müsst ihr da machen?

00:40:12: Das hängt davon ab... Wenn man mieses Glück hat wird man zu Zwangsarbeit gezwungen irgendwo und hatte Arbeit und dann reiht man sich auf und überlebt nicht lange.

00:40:23: Als Hausklave hat man das beste Leben weil dann wird man quasi zum Teil der Familie.

00:40:29: Man kann natürlich trotzdem ausgebäutet für Frauen ganz besonders sexuell ausgebeutet werden.

00:40:35: Das war fast unvermeidlich, aber man konnte aber trotzdem theoretisch gut überleben und sogar freigelassen werden.

00:40:45: Aber das hängt wieder davon ab was du kannst.

00:40:48: Kannst du etwas Besonderes?

00:40:49: Was etwas wert ist?

00:40:50: Kannst Du schreiben?

00:40:51: Kannest Du lesen?

00:40:52: All Grieche schreiben und lesen, weil mit Deutsch kommst du dann schwer durch.

00:40:57: Oder vielleicht kannst du ein musikalisches Instrument toll spielen und bei den Festabendessen des Herrn auftreten oder tanzen kannst du gut?

00:41:06: Das wird dann vielleicht etwas bringen.

00:41:09: Leider keine dieser Qualitäten!

00:41:12: Dann stehen deine Chancen schlecht.

00:41:16: Fahrräder reparieren, aber die gibt es da ja noch nicht?

00:41:18: Ja eben!

00:41:19: Aber du kannst vielleicht etwas erfinden was interessant wäre.

00:41:21: Stimmt!

00:41:22: Second-Hand Erfindung wobei die nicht wissen dass das schon gegeben hat.

00:41:27: Gibt's ein Papyrus der... Also gibts irgendwas das dich extrem frustriert hat weil du nicht weitergekommen bist.

00:41:33: also gibts irgendetwas One Mystery das du gerne lösen würdest.

00:41:40: Ja, es gibt mehrere Fälle wo man Stellen nicht lesen kann weil er mal nicht auf die richtige Idee kommt.

00:41:49: Weil oft ist eine Stelle so abgerieben dass man nichts rauslesen kann und man muss auf den richtigen Punkt kommen und dann sieht man das sondern löst man das.

00:42:00: Diese Stellen lässt man normalerweise beiseite Und wartet ein bisschen und kommt da zurück und es geht oft dann plötzlich weiter.

00:42:10: Jeder Papirologe hat ein paar solche Bausteine.

00:42:15: Man lässt sich nicht frustrieren, ich glaube man muss geduldig sein und den Sachen nachgehen wo man auf sicherer Basis steht.

00:42:26: Bei diesem Papyrus den wir gerade besprochen haben, würde ich sehr gerne dem nachgehen was Urkundentechnisch gedreht wurde.

00:42:35: Weil man sieht es wurden gefälschte Urkunden in Archive eingepflanzt.

00:42:40: da müsste ich nachforschen wie genau das funktioniert hat?

00:42:43: In welches Archiv musste etwas nachpflanzen und welche Archive wurden?

00:42:48: also wie hat das administrativer Wissen genau funktioniert?

00:42:52: Und wenn ich das erforschen kann, werde ich sehr zufrieden sein.

00:42:56: Das wird dann erklären warum bestimmte Dinge gemacht wurden in dieser Betrugsgeschichte.

00:43:01: D.h.,

00:43:02: es ist deine nächste Aufgabe?

00:43:03: Das ist eine meiner vielen nächsten Aufgaben weil man hat immer viel am Tisch und man muss eben mehrere Dinge gleichzeitig bearbeiten oft in unserem Geschäft.

00:43:15: Ja, ich muss echt sagen ... sehr faszinierend!

00:43:21: Vielleicht zum Abschluss hätte ich noch eine Frage.

00:43:25: Zum Thema, weil es gerade so on-vogue ist darüber zu sprechen.

00:43:28: aber es interessiert mich tatsächlich künstliche Intelligenz.

00:43:32: Ist das etwas wo du dir denkst wow die kann mir jetzt so viel in meiner Arbeit helfen.

00:43:38: oder wie blickst du als historisch aus deiner Profession auf diese neue Form von Technik die da plötzlich auch vom Tisch liegt?

00:43:48: Sehr schön, dass du mich fragst.

00:43:50: Weil ich bin gerade dabei, eben Kontakte zu knüpfen um die letzten Technologien und ihre Möglichkeiten zu erforschen.

00:44:00: Ich glaube das bietet uns sehr viel.

00:44:03: Die menschliche Entzieferung dieser Papyrusokunden ist sehr langwierig.

00:44:08: Ich glaube, wenn man so weitertut mit den vierhunderttausend Papüre die unveröffentlich sind wird man ca.

00:44:19: dreißig tausend Menschen Jahre brauchen um sie alle zu veröffentlichen.

00:44:25: da muss uns die Technologie helfen können.

00:44:29: ich sehe sehr positiv das als fortgeschrittenes Werkzeug zu betrachten, dass unsere Arbeit sehr beschleunigen kann.

00:44:40: Und ich werde diesen Weg auf jeden Fall beschreiten!

00:44:42: Ich bin sehr neugierig weil ich habe mit Tech-Leuten viel geredet und auch Sie sagen diese Technologien sind mittlerweile so fortgeschritten.

00:44:52: wir müssen es einfach probieren.

00:44:54: Wir müssen zum Beispiel die Sprache der griechischen Papyri diese Technologie beibringen und dann schauen was passiert.

00:45:02: Nicht einmal Sie können wirklich sagen, was diese Technologie dann tatsächlich kann.

00:45:06: Ich finde das spannend und ich werde auf jeden Fall damit experimentieren und die neuen Wege, die ich mutig genug bin jetzt nach meiner Erfahrung zu beschreiten – das werden wir zusammenbringen!

00:45:22: Wenn ich mich als redaktionären Romantiker oute?

00:45:27: Aber gehört das nicht dazu, dass da eine Historikerin wie du jahrelang an einem Papyrus sitzt und sich den Kopf drüber zerbricht?

00:45:35: Dass sie deschiffrieren macht es dann nicht irgendwie auch einen Unterschied wenn plötzlich einer Maschine kommt und das in fünfundzwanzig Minuten gelöst hat.

00:45:45: Ja das mache auf jeden Fall ein Unterschied.

00:45:49: Es endet sich dann unsere Arbeit.

00:45:52: Das heißt, dass uns quasi perfekte Lösungen von der Maschine angeboten werden?

00:45:56: daran glaube ich nicht.

00:45:58: Es wird sehr viel Troubleshooting geben ganz sicher aber es wird bestimmte Dinge einfach beschleunigen können damit wir dann schneller zu einem fertigen Text kommen weil unsere Arbeit besteht eigentlich an die historische Interpretation.

00:46:16: Da kann uns keine Maschine das ersetzen.

00:46:19: Aber das Werkzeug kann diese Arbeit für den Ufer viel spannender, viel schneller machen.

00:46:25: Neues Material wird uns plötzlich quasi viel schneller zugänglich und damit können wir dann unsere eigentliche Arbeit machen

00:46:33: als Historiker.

00:46:34: Das wird tatsächlich auch eine Zeitmaschine?

00:46:40: Multiplizieren, wie schnell wir zu neuem Material kommen.

00:46:43: Aus dem diese bahnbrechenden historischen Erkenntnisse stammen.

00:46:48: Okay liebe Anna ich glaube eines kann ich schon vorausschicken Ich bitte dich wiederzukommen Es war ein extrem etwas falsches Gespräch und ich muss sagen jetzt mal quasi für unsere erste Sitzung.

00:47:02: finde das finde ich das wirklich großartig Und ich möchte herzlich herzlichen danken dass du dir die Zeit genommen hast zu uns in Studio zu kommen.

00:47:10: Und vielleicht noch, was kannst du empfehlen?

00:47:13: Wenn man – weil du bist ja extra nach Wien gekommen für die Papüre.

00:47:18: Was kannst du Empfehlen wenn jetzt jemand der uns zugehört hat in die Welt der Papüre eintauchen will?

00:47:23: Was ist quasi ein Anknüpfungspunkt für jemanden, der eine Laie und eine Laia ist?

00:47:31: Also ich würde eine Führung in unserem Papyrus Museum sehr empfehchen!

00:47:36: Weil da bin ich und meine Kollegen im Einsatz.

00:47:39: Und man schaut diese Urkunden an, und die Urkunde zählen Geschichten.

00:47:45: Aber man kann diese Geschichten nicht erfahren – also beim braucht eigentlich einen Experten, der diese Geschichte erzählt!

00:47:53: Wir haben einen neuen Blog in der Tageszeitung Der Standard.

00:47:57: Das wird jetzt alle drei, vier Wochen publiziert.

00:48:00: Bitte da hineinschauen!

00:48:01: Da veröffentlichen wir spannende Geschichten aus der Antike aufgrund der antiker Urkunden und genau eine Vorlesung an die Uni Wien über Papirologie.

00:48:15: aber eben dass eine Führung im Papyrus Museum taucht man wirklich in diese Welt ein.

00:48:20: Wir werden alle Informationen in die Schoenrots geben, das heißt ihr könnt euch das recherchieren sparen sondern einfach auf den Link klicken.

00:48:27: und liebe Anna ich möchte mich noch mal herzlich bei dir bedanken für dieses tolle Gespräch und ich hoffe wir hören uns bald wieder beim Museum.

00:48:35: Herzlichen Dank für die Einladung!

00:48:37: Ciao ciao.

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